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Der Merker. 1910, 2. Jahrgang, Heft 4. - str. 165

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Der Merker : Österreichische Zeitschrift für Musik und Theater. 1910, 2. Jahrgang, Heft 4., s. 133-180.

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böhmischen Dorffurianten, Rlois Jirasek die ostböhmischen Bauern, Gabriela Preissona und die Brüder Rlois und Vilem mrslik die wein- und liebeslustigen Slowaken; die Totalität des Volkslebens hat eigentlich keiner oon ihnen erfa~t. Sie fanden unter den Schauspielern des nationaltheaters oorzügliche Darsteller, denen gleichfalls ihre Jugenderinnerungen eine nortreffliche Vorschule darboten: neben dem Komiker oon Gottes Gnaden Jindrich mosna, dessen ~iguren beialler strengen Tatsächlichkeit ein gesteigertes (ebensgefühl innewohnt, will ich noch den kernigen, oft übertreibenden Josef Smaka, den schlichten und männlichen Jakub Voita Slukon und die derbe und kräftige 'rrau marie Hübnerooa nennen.

nur einer unter diesen oollkstümlichen Realisten ragt über das mittelma~; es ist der älteste oon allen, (adislan Stroupeznicky. 'krhältnismä~ig spät hat er sich zu seiner Eigenart durchgerungen, nachdem er oerfehlte historische Tragödien und oberflächlich archaisierende (ustspiele geschrieben hat, die allerdings oon seiner sorgfältigen Handhabung des intim!'n Details und der satten Zeitfarbe zeugen. Doch erst die Rückkehr zum südböhmischen Heimatsboden bedeutete seinen ersten Sieg: seine Volksszenen haben ein leidenschaftliches Tempo, seine ~igürchen sind sicher und lebendig gezeichnet, sein Dialog ist bewegt und dramatisch, sein Humor ist kernig und frisch. Doch dies genügte dem ernsten, oerschlossenen Stroupeznicky keineswegs, er träumte oom modernen Sozialdrams mit einem bedeutenden Helden und belebten massenszenen, worin die eigentümliche, unheimliche Grö~e unserer gährenden Zeit zum Rusdruck käme. nur ein posthumes, keineswegs ausgeglichenes Werk oerwirklicht diese schönen Träume, doch es beweist zu Genüge, was unsere Bühne in dem zweiundoierzigjährigen Stroupdnicky nerloren hatte.

Das (osungswort der jüngeren Dramatiker lautete nun: modernes Sozialdrama. man begnügte sich nicht mehr mit flei~igem Rusarbeiten non einzelnen ~iguren, mit genrehafter Ruswahl der interessanten Spezialfälle, mit behaglichem Kleben an der Oberfläche des (ebens. Viel mehr suchten die Dramatiker den sozialen und ethischen Zusammenhang aller Geschehnisse aufzuzeigen, gesellschaftliche Gesel]e zu ergründen, allgemein gültige Thesen zu demonstrieren. Russische und deutsche Realisten waren darin ihre (ehrer, mit denen sie Rbneigung gegen theatralische Effekte, gegen stilisierte Sprache, gegen jedes synthetische \7erfahren teilten. Es sind trübe und trostlose (ebensbilder, die ~. X. Sooboda und m. 11. Simacek in ihren bürgerlichen Dramen aufrollen: lebensunfdhige ~amilien des mittelstandes gehen zu Grunde; Väter mifjoerstehen ihre Söhne und entzweien sich mit ihnen auf immer; gebrochene Existenzen hassen das (eben und fliehen oor ihm; ehrliche Versuche, die ldhmende (ast der Verhältnisse wegzuwerfen, oerlaufen in Sand; jede Sinntslust wird zum ~Iuche; kein Hoffnungsstrahl beleuchtet diese schreckliche Gebundenheit dieses Daseins. Doch auch diese schwerfälligen Realisten gtben meistenteil nur Zustandsmalerei anstatt der dramatischen Rktion, sie entwickeln ihre Charaktere nicht, sit bemühen sich oergebens, die Handlung bis zur tragischen Katastrophe zu steigern: das heifje dramatische Blut zirkulierte weder in den Rdern des Stimmungslyrikers Sooboda, noch des analytischen Romandirhters Simacek.

Und doch bleiben einzelne ihrer Stücke ganz unnergefjlich, da sie der feinsten dramatischen Künstlerin in Böhmen !rau Hana Koapilooa Gelegenheit gegeben haben, ihr reiches und subtiles Talent zu entfalten. noch jel]t, drei Jahre nach ihrem frühzeitigen Tode, sehen wir ihre zarte Erscheinung, wie sit die alltaglichste Tragik mit einem wehmütigen Zauber umwebt, wie sie die (eidensgeschichte des modernen Weibes ins monumentale übersel]t, wie sie in ihrem sthnsüchtigen Blicke und ihrem stillen (dcheln ihre Träume oon der Rettung aus der Rlltaglichkeit in das Reich der befreienden Schönheit oerrät.

nur wenige konnten dem ~uge dieser denkenden Künstlerin folgen, die in ihrer Rrt den alltäglichen, anti dramatischen Realismus überwunden hat. Diese Wandlung des künstlerischen Geschmackes an der Jahrhundertswende machte sich auf unserer Bühne auch in den neuerungen

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